»Ein vorzüglicher Geiger« –
Paul Hindemith im Frankfurter Opernorchester

von Dr. Susanne Schaal-Gotthardt, Direktorin des Hindemith Instituts Frankfurt

Als die Intendanz des Frankfurter Opernhauses im Sommer 1915 Ausschau nach einem geeigneten Kandidaten für die neu zu besetzende Konzertmeisterstelle hielt, wurde sie rasch fündig: Paul Hindemith, damals 19 Jahre alt, hatte bis dahin zwar weder sein 1908 begonnenes Violinstudium am Dr. Hoch’s Konservatorium noch sein Kompositionsstudium regulär abgeschlossen, allerdings bereits bei Vortragsabenden etwa mit Beethovens Violinkonzert als herausragendes Talent auf sich aufmerksam gemacht. Auch die Orchesterleitung war beeindruckt und engagierte ihn sogleich als Ersten Geiger mit Aussicht auf eine Konzertmeisterstelle. Für den aus armen Verhältnissen stammenden jungen Mann bedeutete diese Position einen sozialen Aufstieg und ermöglichte ihm zugleich, die finanzielle Verantwortung für seine Mutter und die noch minderjährigen Geschwister zu übernehmen, nachdem der Vater 1915 gefallen war.

Die Position eines Ersten Konzertmeisters wurde Hindemith im Frühjahr 1916 – ein halbes Jahr vor dem vereinbarten Termin – zuerkannt. Selbstbewusst und stolz berichtete er, man habe ihm das Probespiel »zwar sehr schwergemacht. Erst wurde ich nämlich auf die Intendanz bestellt, ohne dass ich überhaupt wusste, was ich da sollte. Ich habe da dem Intendanten und den beiden Kapellmeistern gänzlich unvorbereitet je den 1. Satz des Brahms- und Beethoven-Konzertes, das ganze Mendelssohn-Konzert sowie die Chaconne vorgespielt, was für die Herren natürlich eine große Überraschung war. Am Donnerstag darauf absolvierte ich noch einmal ein Probespiel, wo außer den genannten Herren noch der Amsterdamer Kapellmeister Wilhelm Mengelberg (der Leiter der hiesigen Museumskonzerte) und eine Menge unserer Orchestermitglieder da waren. Ich spielte Mendelssohn, Brahms und Bach. Es ging alles gut, aber Mengelberg, ein mir durchaus unsympathischer, rothaariger Mensch, wollte mir absolut die Stelle nicht zuerkennen, ›weil ich viel zu jung‹ sei. Ich habe aber gehört, dass er einen anderen Geiger dafür in petto hatte. Als ich dann noch äußerst schwierige Stellen aus der Salome vorgelegt bekam (die ich nie gesehen hatte) und so glatt vom Blatt spielte, konnte er natürlich auch nichts mehr einwenden.« Das Konservatoriumsexamen, das Hindemith im Juni 1916 ablegte, war danach nur noch Formsache.

Das Frankfurter Opernhaus gehörte damals schon zu den führenden Bühnen in Deutschland. Neben den Standardwerken von Gluck bis Wagner wurden regelmäßig Novitäten präsentiert. In die Jahre von Hindemiths Mitgliedschaft im Orchester fielen etwa die Uraufführungen von Schrekers Der Schatzgräber oder Rudi Stephans Die ersten Menschen; Pfitzner war 1916 als Dirigent von Der arme Heinrich zu Gast, Richard Strauss mit dem Rosenkavalier. Dazu kamen die Dienste in den Museumskonzerten, die seit dem 19. Jahrhundert einen bedeutenden Teil des Frankfurter Musik- und Gesellschaftslebens ausmachten. Hindemith erhielt Einblick in den Alltag der Musiker und bildete an dem breit gefächerten Repertoire des Orchesters seine musikalische Urteilskraft aus. Seine Erfahrungen als Orchestermusiker wirkten sich später auf sein Selbstverständnis als Dirigent aus: Er betrachtete sich selbst in dieser Position stets lieber als primus inter pares und beobachtete mit kritischer Distanz die »unersättliche Eitelkeit« manch eines hochgelobten Dirigenten.

Im letzten Kriegsjahr, das Hindemith als Soldat in Frankreich erlebte, ruhte sein Orchesterdienst. Im Bewusstsein, dem Kriegsgeschehen unbeschadet entronnen zu sein, begann er nach seiner Rückkehr, neue künstlerische Wege einzuschlagen. Im Orchester spielte er weiterhin mit der gebotenen Routine, doch das Komponieren trat nun immer stärker in den Vordergrund. Zugleich war 1919 eine weitere Entscheidung gefallen, die er einer Freundin mitteilte: »Weisst Du, dass ich fast gar nicht geige? Ich habe mich ganz auf die Bratsche geworfen und geige nur noch in Fällen dringender Not.« Mit dieser allmählichen Verlagerung des Schwerpunktes seiner künstlerischen Interessen war der Abschied aus dem Orchester eingeleitet, den er im Sommer 1923 – mit einem Generalvertrag des Mainzer Schott-Verlages in der Tasche – schließlich vollziehen konnte. Das Orchester begleitete er von nun an mit kollegialer Sympathie.

Jahrzehnte später schrieb er einem Kollegen am Konzertmeisterpult: »Ich bin zwar durch Ihr Geigerleben nur quasi con sordino durchgehuscht, noch dazu als einer, der sich später der jedem Geiger verdächtigen Bratsche verschrieben und sich dann sogar in noch obskurere Gefilde musikalischer Tätigkeit begeben hat, aber die Jahre im Frankfurter Opernorchester, in denen wir oft genug zusammen gespielt, gejauchzt, gestöhnt und geflucht haben, sind auch mir unvergesslich geblieben.«